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Die Nähe der Unendlichkeit

Die Fotografie ist und war nie ausschließlich die Momentaufnahme der Realität. Die Kunst der Fotografie ist die Inszenierung von Wirklichkeit.

Ausgerüstet mit den technischen Errungenschaften unserer Zeit und mit der Akribie eines "Modelleisenbahnliebhabers" erschafft Uwe H. Schmidt seine persöhnlichen Landschaften, die fotografisch festgehalten werden und damit öffentlich werden. Die Aufnahmen Schmidts entstehen dabei nicht im virtuellen Raum, vom Computer berechnet, an der Oberfläche eines Monitors - sondern als inszenierte Miniaturlandschaften im Guckkastenformat. Die Panoramen sind längst vergangen, das Eis ist geschmolzen, die Miniaturfiguren sind in Kisten verpackt.Es bleibt die Fotografie als "Beweis" der realisierten Phantasie.

Auf glatten, großformatigen Hochglanzfotografien wird die im Studio konstruierte Landschaft von der Dimension einer Tortenplatte zur Illusion der Unendlichkeit des Raumes. Die eigentlichen Kunstwerke Schmidts sind diese großformatigen Abzüge seiner Panoramen, die durch bestechende Präzision, den hohen "handwerklichen" Anspruch des Berufsfotografen verdeutlichen.

Die großen Formate geben vor allem den Bildinhalten mehr Gewicht als die kleinen Abbildungen des vorliegenden Büchleins, das einerseits als Werkschau und Katalog angesehen werden kann und andererseits in der Kombination mit der Lyrik von Brigitta Weiss zu einem eigenständigen Gedichtband geworden ist. Die grafischen Werke illustrieren dabei nicht das geschriebene Wort, vielmehr beziehen sich die Texte auf die Darstellungen. Der interpretierende Einfluß der Lyrik auf den Betrachter sollte allerdings nicht das Blickfeld einschränken oder lenken, sondern eigenständig als "Wort" neben dem "Bild" stehen. Das Bindeglied zwischen Lyrik und Lichtbildwerk ist eine unverkennbare Wahlverwandschaft, die berid eKünstler zu dieser gemeinsamenb Veröffentlichung animiert haben muß.

Zum sichtbarwerden des Unsichtbaren sind Worte nicht immer förderlich.

Irgendwo ist immer ein Mensch

Erst durch den Menschen funktioniert die Illusion, der einzeln, aber nicht immer einsam - mal geschäftig, mal melancholisch im dafür geschaffenen "Raum" agiert. Obwohl offensichtlich nur aus Plastik und im H0-Maßstab, gibt der Mensch die Proportion und Dimension des Raumes, die Weite der Ebene, die Unendlichkeit der Ferne an. Die Nähe der Unendlichkeit des Dargestellten, die vollkommene Stille der Landschaft, die friedliche, manchmal düster beklemmende Atmosphäre erzwingt geradezu eine Fokussierung auf eine vordergründige, menschliche Regung.
Der Mensch steht im Zentrum der jeweils kleinen Welt und falls dieser nicht sofort erkennbar ist, wird die Fotografie zum Suchbild nach dem Menschen
.

Die Romantik wird neu inszeniert am Beginn des 21. Jahrhunderts.

Mensch und Natur sind die zentralen Themen der Bildwerke. "Der Wanderer" und andere stellen eine offensichtliche Nähe zu den Landschaftsdarstellungen Caspar David Friedrichs her und Arnold Böcklins Variationen zur Toteninsel hinterlassen ihre Spuren in den Fotowerken "Die Überfahrt" oder "Suche nach den Horen".
Ohne den surrealen bzw. realen Beigaben und Tätigkeiten der dargestellten Menschen, sind die Fotografien mit ihrer melancholisch ernsten Ausstrahlung als fotografische Umsetzung der Landschaftsmalerei des 19. Jhd. zu sehen. Durch die intensive Farbgebung im modernen Medium erscheinen die phantastischen Inszenierungen nicht als Kopie des 19. Jhd., sondern als eigenständige Kunstwerke der Gegenwart.
Das Genrebild mit der humorvollen Darstellung von scheinbar Alltäglichen ist eine weitere Traditionslinie in der jene Lichtbildwerke zu sehen sind, die solch eine kleine Geschichte erzählen wollen.

Uwe H. Schmidt ist ein fotografischer Geschichtenerzähler

Die Faszination der fotografischen Kunstwerke liegt in der vieldeutigen Einfachheit des Dargestellten: Vordergrund, Hintergrund und ein kleiner Mensch, der seinen Beruf in tragisch-komischer Weise ausübt oder einfach nur in die Ferne blickt. Mit ihnen beobachten auch die Betrachter das Farbenspiel des Himmels und des Wassers. Mit ihnen kann über den Sinngehalt ihres Tuns gerätselt werden. Sie müssen sich einsam und unverstanden fühlen in der großen, weiten Welt, in der sie agieren und verharren.

Uwe H. Schmidt ist nicht der Erste und Einzige, der Miniaturfiguren im Modellbaumaßstab 1:87 fotografiert. Seine inszenierten, phantastischen Studiolandschaften mit der Darstellung der Erhabenheit der Natur in intensiver, surrealer Farbgebung sind allerdings einzigartig und von hohem Wiedererkennungswert.

Es bleibt zu hoffen, daß ihm seine Experimentierfreude, seine Detailverliebtheit und der dazugehörige Perfektionismus erhalten bleibt und er uns weiterhin farbige Einblicke ermöglicht in seine weiten Landschaften mit den kleinen Menschen.

Georg Brütting M.A.